Median 46 – Äquator der Gesellschaft

„Ich weiß nicht, ob Sie‘s wussten, aber …“ – mit diesem Einstieg beginnt einer meiner Lieblingskabarettisten Rüdiger Hoffmann oft sein Programm – war ungefähr die Formulierung, die mir bei meiner Recherche zum Thema 45plus spontan als erstes einfiel, als ich es von der Zahlenseite her näher betrachtete.

Auslöser für die Betrachtung war ein Beitrag in einer Tageszeitungsbeilage von vor wenigen Wochen, in der es um das Thema „Gesund und glücklich im Alter“ ging. Für sich genommen völlig unaufregend und es wäre mir auch gar nicht aufgefallen, wenn mein Bauch nicht gesagt hätte, dass irgendetwas hier für mich nicht zusammenpasst. Nur was war es? Bei genauerem hinschauen sah ich es dann, „Gesund und glücklich im Alter“ kommentiert von einem Vertreter eines Verbandes „… 50plus“. Das musste ich mir noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: „Gesund und glücklich im ALTER (!)“ und dann „50plus“. Klatsch, wie ein nasser Waschlappen. Altes Eisen, krummer Rücken, Rheuma, fertig, aus. Das war‘s. Bei den Wartelisten am besten gleich schon einen Heimplatz suchen.

Naja, ganz soweit ist es dann doch noch nicht. Auf jeden Fall aber war meine Neugier geweckt. Denn, entscheidend ist ja in der Regel oft nicht, was man sagt, sondern wie es ankommt. Und das ist manchmal schon erstaunlich. So trägt zum Beispiel die nach eigener Aussage größte 50 Plus Messe Deutschlands – „für die individuellen Interessen der Best Ager“ – den vielsagenden Titel „Die 66“. Entschuldigung, 50plus als Zielgruppe und das Ganze dann „Die 66“ nennen? Das ist, als wenn man eine Messe für Studienabsolventen „Die 40“ nennen würde. Auch decken solche Veranstaltungen mit Ihrem Angebot von Gesundheit und Reha, über Ernährung, Freizeit und Wellness bis Pflegedienst und Seniorenwohnheim eher Themengebiete ab, die auf Hilfestellung und Ausgleich von Defiziten ausgerichtet sind, als auf Bedürfnisse von Menschen, die noch mitten im Erwerbsleben stehen. Alle Hilfe in Ehren, nur das in einem Atemzug mit dem Begriff 50plus zu verwenden, dass ist mir dann doch ein bisschen zuviel.

Vor allem, weil die Generation 45plus – und ich weiß wovon ich rede, stehe ich doch mittendrin – die Hände weder in den Schoss legen will, noch kann und auch erst recht nicht muss. Wenn man sich nämlich einmal den Spaß gönnt, trockene Fakten zu recherchieren, stellt man fest, wieviel Leben in ihrer Sachlichkeit steckt.

Mit 45 fängt die 2.Hälfte an

Generation 45plus: Die Mitte macht den Unterschied

So hat sich zum Beispiel das Medianalter* in Deutschland von 41 Jahren in 2001 auf heute 46 Jahre erhöht. Auch haben in 2017 ein 50 jähriger Mann bzw. eine 50 jährige Frau noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 29,97 Jahren bzw. sogar 34,23 Jahren und damit noch eine ziemlich weite Erlebensperspektive. Und als nach 1964 Geborene sind sie mit 17 Jahren noch ein gutes Stück vom Eintritt in die Regelaltersrente entfernt. Ob sie dabei nicht sogar länger arbeiten müssen, wenn sie ihren Lebensstandard halten wollen, sei nochmal dahin gestellt. Schenkt man nämlich einer aktuellen Studie der Ruhr-Universität Bochum Glauben, steht selbst derjenige, der „freiwillig bis 70 arbeitet und damit drei Jahre länger in die Rentenkasse einzahlt, [immer noch] vor einer Wohlstandslücke“ im Alter.

Change 45plus – das heißt, spätestens mit 45plus ist es Zeit, sich aktiv darum zu kümmern, wie es individuell weitergehen soll. Die Kinder gehen aus dem Haus, der Job plätschert vor sich hin und privat greift Routine mehr und mehr um sich. Und nun? Einfach weitermachen wie bisher, Kopf einziehen, abwarten? Ehrlich, im tiefsten Innern weiß nicht nur ich: Sinn, Werte, Ziele und Wünsche, nichts davon erfüllt sich von selbst.

Das Leben ist selten eine Gerade und nur wer das Ruder für sich in der Hand behält, hat die Chance es auch zukünftig in die richtigen Bahnen zu lenken. 

* Das Medianalter teilt die Bevölkerung nach dem Alter in zwei gleichgroße Gruppen: 50 % sind jünger und 50 % sind älter als das Medianalter.

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